Farbwelten
Retrospektive Betrachtungen
Seit über 30-Jahren ist Markus Weggenmann auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: Was ist Malerei? In den letzten drei Dekaden hat der Künstler dafür immer wieder überraschende und inspirierende Lösungen gefunden, die nicht zuletzt dank ihres innovativen Malprozesses, Neuland betreten. Mehrere Werkphasen umfassen das jahrzehntelange Schaffen des Künstlers, das in grossen Zyklen angelegt, von Bild zu Bild ins Heute führt. Kaleidoskopisch fächert die Appenzeller Ausstellung die Vielfältigkeit in Weggenmanns Werk auf, in deren Zentrum das Material Farbe die Richtung vorgibt.
Weggenmanns Weg zur Kunst war jedoch keineswegs ein geradliniger. Er hat sich autodidaktisch der Malerei angenähert. Neben seiner Arbeit im therapeutischen Kontext, hatte er stets ein Atelier, eine Arbeitsstube, in der er erste künstlerische Schritte unternimmt. Es entstehen Arbeiten in Acryl, die heute nicht mehr in Weggenmanns Werk zu finden sind. Wenige Ausnahmen haben dem kritischen Blick des Malers standgehalten, eine Hinwendung zur Farbe lässt sich jedoch bereits im Frühwerk erkennen.
Die Parallelität der beiden Berufsfelder findet über mehrere Jahre statt. Seit 1976 nimmt Markus Weggenmann an Ausstellungen teil, Kontakte zu Künstlerinnen und Künstlern intensivieren sich. Früh stellt sich eine Nähe zu den Zürcher Konkreten ein. Gleichzeitig grenzt er sich von der dogmatischen Sichtweise der Konkreten ab. Er wehrt sich gegen das starre konstruktive Gerüst und findet einen freieren Umgang mit der konkreten Idee. Der künstlerische Blick richtet sich auch auf die Zeitgenossen. Die legendäre Retrospektive im Kunstmuseum Winterthur 1984 zu Blinky Palermo hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Barnett Newman hingegen löst mit seiner wackligen Linie anfänglich Irritationen aus. Schnell wird Weggenmann jedoch klar, dass diese Linie eine Energie enthält, die sich diametral zum stoisch konstruktiv-konkreten Form- und Farbaufbau verhält. Diese frühen Einflüsse begleiten den Künstler auf seinem weiteren Weg nachhaltig. Eine weitere prägende Begegnung spielt sich in seinem direkten Umfeld ab.
Verena Loewensberg, eine Freundin der Familie, unterstütz ihn bereits früh und bestärkt ihn darin, sich ganz der Kunst zuzuwenden. Loewensberg ist es dann auch, die Weggenmann auf die Suche nach der reinen Farbe schickt. Zwar gefallen ihr die frühen Arbeiten, doch stört sie sich an der Verwendung von Acryl. «Er solle nach einer Farbe suchen, die ihm entspreche und nicht acrylbasiert sei.» Da eine Allergie Weggenmann den Gebrauch von Ölfarben ebenfalls verunmöglicht, nimmt er sich mit der Akribie eines Wissenschaftlers dem Thema an. Weggenmanns Annäherung an die Farbe ist ein gradueller Prozess, ein Tasten, beharrliches Ringen und unermüdliches Experimentieren. Seine Suche führt ihn zu reinen Farbpigmenten, die er mit verschiedenen Bindemitteln zu mischen beginnt. Die wissenschaftliche ja fast schon empirische Herangehensweise bringt den Maler schliesslich zur Leimfarbe.
Nur schwach bindet er die reinen Farbpigmente, das Licht wird direkt auf dem Pigment gebrochen und bringt die Farben ohne Öl- oder Acrylschicht ungehindert zum Strahlen. Dies führt neben der visuellen zu einer physischen Wahrnehmung der Arbeiten. Die Farben konfrontieren, fordern heraus, wollen als Gegenüber wahrgenommen werden. Der satte und samtige Klang der Farbe verströmt eine sinnliche und haptische Komponente und verleiht den Bildmotiven eine sinnliche Ausstrahlung in den Raum hinein.
Erste Schritte
Mit einem Eingriff an der Fassade des Kunsthaus Zürich ruft sich Markus Weggenmann 1989 einem breiteren Publikum ins Bewusstsein. Immer wieder kommt er am Kunsthaus vorbei, dabei fallen ihm die Bossen an der Fassade auf. Die vorstehenden Quader teilen das Mauerwerk zwischen Erd- und Obergeschoss in rhythmische Abstände. Weggenmanns Intervention umschliesst die einzelnen Bossen mit signalroten Rahmen, die Fassadenstruktur erhält einen neuen rhythmischen Klang. Einem umgekehrten Bild gleich nimmt sich die Rahmung einmal zurück, um im nächsten Moment wieder in den Vordergrund zu treten. Das leuchtende Rot lässt das Bossenwerk verstärkt aus der Mauer hervorkommen, wobei die Farbwahl der Rahmung das haptische Moment verstärkt. Die Rahmungen, so auch der Titel des Werks, setzen sich nicht nur mit dem Gebäude selbst auseinander. Vielmehr setzt Weggenmann mit dem ortsspezifischen Eingriff selbstbewusst ein erstes Zeichen zum selbständigen Künstler.
Die temporäre Intervention stösst auf viel Resonanz in der Zürcher Kunstwelt. Harm Lux, damaliger Kurator der Shedhalle, lädt Weggenmann zu einer Einzelausstellung ein. Programmatisches Konzept der Präsentation sind Doppelbilder, in denen Weggenmann grossflächig Farbkombinationen ins Zentrum stellt. Im Doppel eröffnen sich Kombinationen und Wechselbeziehungen, ohne dabei das Einzelbild zu negieren. Der dialogische Austausch der Werke versichert eine immanente Gegenseitigkeit bei gleichzeitiger Eigenständigkeit. Aufgeteilt in jeweils drei monochrome Farbflächen, begrenzen zwei schmale vertikale Streifen eine quadratisch anmutende Fläche. Verstärkt wird die wechselseitige Farbbeziehung im Doppel durch die Wiederholung zweier gleichfarbiger Streifen pro Bild. So treten Farbklänge und graduelle Verschiebungen dem Publikum unmittelbar entgegen, strahlen in die räumliche Dimension aus: Weggenmanns Malerei mit Farbe verdichtet sich zur Farbmalerei.
Die Ausstellung in der Shedhalle versammelt ausschliesslich Werke in einheitlichem Format, ein Arbeitsprinzip, das der Künstler bis heute häufig anwendet. Durch die Beibehaltung formeller Ausgangspunkte erfährt die akribische Auslotung der Farbe eine thematische Konzentration und Fokussierung. Das strenge strukturelle Raster erlaubt es dem Publikum wiederum, sich ganz dem sinnlichen Seherlebnis der teils flirrenden Farbflächen hinzugeben.
Eigenständige Handschrift
Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Farbe begleitet den Künstler auch in seinem weiteren Schaffen. Über den Auftakt in der Shedhalle nähert sich Weggenmann einem Hauptmotiv in seinem Werk an. Ausgehend von der vertikalen Rasterstruktur, widmen sich seine farblichen Vermessungen dem Thema nun in horizontaler Anordnung. Zwei, drei oder vier andersfarbige Streifen gliedern den Bildträger in mehrfacher Wiederholung. Über zehn Jahre prägen diese Streifenbilder seine Arbeitspraxis und dienen ihm als Untersuchungsgegenstand für mannigfaltige Farbfindungen. In wiederkehrender Repetition, ja forschender Akribie, eröffnet er mittels der Streifenbilder einen ganz eigenen Zugang zur ungegenständlichen Kunst. Frei von jeglichen Dogmen und aktuellen Moden verfolgt der Künstler seine Bildthemen beharrlich und mit einer ausdauernden Entschiedenheit. Dabei lassen die von Hand gezogenen Streifen die Malerhand erst auf den zweiten Blick wahrnehmbar werden. Diese Handschrift äussert sich bei Weggenmann weniger im Pinselduktus, vielmehr lässt sie sich an seinem sublimen Umgang mit Farbe und Farbtemperaturen erkennen.
1992 werden die Streifenbilder in mehreren Ausstellungen gezeigt, unter anderem in Amsterdam und in der Galerie Mark Müller in Zürich. Zwei Jahr zuvor beginnt im Gründungsjahr der Galerie die Zusammenarbeit zwischen Markus Weggenmann und Mark Müller. Insgesamt elf Ausstellungen haben Galerist und Künstler seither gemeinsam bestritten. Während die Schau in Amsterdam kleinformatige Streifenbilder auf Papier versammelt, ist die Präsentation in Zürich bereits auf ein grösseres Format angewachsen. In strenger Rasterabfolge bedecken die einzelnen Blätter die Wände, räumliche Wand- und Deckenelemente werden kurzerhand durch Anpassung des Bildträgers in die Struktur miteingebaut. Die ortsgreifende Installation verwandelt die Galerieräumlichkeiten in einen Boulevard, der das Publikum zum flanierenden Betrachten einlädt. Dicht an dicht scheint die serielle Bildabfolge Geschwindigkeit aufzunehmen und die Besucher in ihren Bann zu ziehen. Erst gemächlich, dann immer schneller flirren, ja tanzen die Streifen und erleuchten den Ausstellungraum.
«Boulevard», so auch der Titel der damaligen Ausstellung in Zürich, bildet einen ersten Höhepunkt im Schaffen des Künstlers. Ortsspezifisch und von einer lustvollen Konzeption geprägt, beinhalten die boulevardesk angeordneten Streifenbilder, die Kernpunkte von Weggenmanns Oeuvre. Eine extreme Intensität der Leimfarbe gepaart mit aufs Wesentliche konzentrierten geometrischen Formen, die im wahrsten Sinne in kein Raster kunsthistorischer Zuschreibung zu passen scheinen. In unterschiedlichen räumlichen Settings nehmen die Boulevards, vom Helmhaus über den Kunstraum Hannover bis zur Artothek Köln, die architektonischen Vorgaben auf, um sie zu einem Teil der Inszenierung zu machen.
Tributes to the Stripes
1995 nimmt Weggenmann an einem Kunst-am-Bau Wettbewerb der damaligen Schweizerischen Kreditanstalt teil. Seine Bewerbung sieht vor, über ein Jahr lang ausschliesslich Streifenbilder für den Wettbewerb zu malen. Der Künstler als unermüdlicher Arbeiter, der sein Handwerk und seinen Denkraum über ein Jahr dem Projekt zur Verfügung stellt. In Tributes to the Stripes verwirklicht Weggenmann den Auftrag in 192 Streifenbildern auf Leinwand. Dem Werk kommt eine Scharnierfunktion im Verbindungstreppenhaus zwischen dem bestehenden Gebäude und einem Erweiterungsbau zu. Auf einer Gesamtfläche von 22 Metern Höhe und fast 6 Metern in der Breite erstreckt sich die Installation über 32 Reihen zu je sechs Bildern. Die Farbenflut der wandfüllenden Präsentation wird ein durchschlagender Erfolg, vielfach lassen sich Führungsmitarbeiter vor dem Werk porträtieren. 2008 wird der Erweiterungsbau abgerissen, woraufhin die 192 Leinwandtafeln demontiert und eingelagert werden. Sowohl für die Credit Suisse als auch die Architekten des Neubaus ist klar, dass Tributes to the Stripes einen Platz im neuen Verwaltungsgebäude bekommen soll. Die Neuinszenierung erlaubt eine unmittelbare Betrachtung auf verschiedenen Blickhöhen, ein Lichtschacht beleuchtet die Szenerie von oben. Horizontale und vertikale Achsen ziehen sich durch den Lichtschacht, Verbindungsrampen und eingelassene Fenster ermöglichen ein Wechselspiel zwischen Werk und Architektur. Nüchterne Betonwände lassen die expressiven Farbkombinationen umso stärker in den Vordergrund treten, die rhythmischen Farbklänge schwingen in den Raum hinein. Der Blick wandert vom Gesamten zum Einzelnen und wieder zurück. Horizontale und vertikale Strukturen scheinen im ständigen Zwist zu sein, wer nun stärker im Vordergrund steht.
In 24 Reihen mit je 8 Arbeiten versammelt die Neuhängung eine kompaktere und in die Horizontale gezogene Präsentation. Panoramahafte Blickachsen und Durchsichten werden durch die Architektur unterstützt, der sinnliche Farbkosmos setzt einen lustvollen Kontrast zur reduzierten Raum- und Materialgestaltung des Gebäudes.
Autolack
Ende der 90er Jahre nimmt die jahrzehntelange Beschäftigung mit den Streifenbildern eine Wende. Mittlerweile geniesst Weggenmann grosses künstlerisches Renommee im In- und Ausland. Der Künstler folgt der Einladung nach Stuttgart zu einem weiteren Kunst-am-Bau Wettbewerb. Die Platzierung des Werkes im Freien stellt Weggenmann vor eine Herausforderung, sind seine mit Leimfarbe gemischten Farbpigmente doch wasserlöslich und daher nicht im Aussenraum verwendbar. Beim Spaziergang durch die Stadt fällt ihm der Künstlerkollege Adrian Schiess ein, der seit Anfang der 1990er mit Autolack arbeitet. Die Idee, Streifenbilder mit Autolack in den Wettbewerb einzugeben nimmt Form an. Obwohl Weggenmann den Zuschlag für das Kunst-am-Bau Projekt nicht bekommt, wird er von der Landesbank Baden-Württemberg eingeladen, die 44 Sitzungszimmer mit je zwei Autolack-Streifenbilder zu bespielen.
Der Auftrag für die Landesbank Baden-Württemberg erlaubt Weggenmann, die speziellen Eigenheiten des neuen Farbmaterials eingehend zu erproben und zu testen. Wie bereits zu Beginn seines künstlerischen Schaffens geht er die systematische Untersuchung des neuen Werkstoffes mit der ihm eigenen Akribie und Methodik an. Neue Farbrezepturen werden ausprobiert, Farben, die es in Lackform zuvor nicht gab, kreiert; lichtreflektierende Zusätze verleihen manchen Farbtönen einen schimmernden Perlmuttglanz. Nicht nur den Autolack überführt der Maler aus seinem angestammten Kontext in die Kunst, auch den Bildträger verwendet er keineswegs im herkömmlichen Sinne. Die zu besprühenden weissen Aluminiumplatten werden in einem aufwändigen Prozess an den Ecken eingeschnitten und geknickt, es entsteht der optische Effekt eines Tafelbildes. Lackgemälde nennt der Künstler die Bilder, ganz im Sinne einer Inszenierung, die er in den Werken mehrfach aufgreift.
Als Markus Weggenmann die ersten Lackbilder in der Galerie Mark Müller im Jahr 2000 präsentiert, scheint es, als hätte die Kunstwelt nur darauf gewartet. Die Ausstellung «Durchquerung der Alpen in einer Nacht» erfährt ein sensationelles Echo und der Künstler selbst liefert eine weitere Antwort auf die Frage, was ist Malerei? Gestisch-amorphe Formen treten neben geometrische Strukturen und liefern einen neuartigen Umgang in Bezug auf die ungegenständliche Malerei.
Die Erprobung des neuen Farbmaterials eröffnet dem Maler jedoch nicht nur neue Farbwelten. Für Weggenmann liefert das Medium des Autolacks die willkommene Klammer, Schritte hin zu frei motivischen Bildthemen zu wagen. Intuitiv assoziierende Entwurfsskizzen, die bereits seit Langem seinen künstlerischen Alltag begleiten, dienen ihm nun als Ausgangspunkt und Vorlage. Die kleinformatigen Entwurfsblätter entstehen frei und ohne Vorzeichnung mit einem raschen Pinselstrich, um im Anschluss in mehreren Arbeitsschritten weiterbearbeitet, verworfen und wieder aufgegriffen zu werden.
Freie Formen
Weggenmanns Formfindungsprozess könnte man als Umkehrung der Abstraktion bezeichnen. Erst im Prozess des Malens entdeckt er Motive, denen er in weiteren Bearbeitungsschritten nachgeht. Die Bildfindung in seinem Schaffen ist keine forcierte, vielmehr lässt er sich von der Malerei leiten. Unterschiedliche Formelemente kristallisieren sich in diesem Arbeitsprozess heraus; von geometrischen Farbflächen über organische, ja pflanzliche Motive, perspektivischen Durch- und Einblicken und schlingernden Kreiseln, bis hin zu übergrossen Stillleben.
Kunsthistorische Referenzen klingen im Schaffen des Malers in vielerlei Hinsicht an ohne dabei die eigenständige Handschrift zu verlieren. Sei es in den flächigen Arrangements von Blumen, Früchten und Objekten, die gleichzeitig an die flämische Malerei des 17. Jahrhunderts, wie an Ensembles von Matisse erinnern; sei es in den geometrischen Farbfeldern, die eine Nähe zu Ellsworth Kelly erkennen lassen oder konstruktiv-konkrete Anspielungen, die Weggenmanns Werk im zeitgenössischen Kontext der ungegenständlichen Malerei verorten.
Seit Beginn der 2010er Jahre treten die Lackbilder in den Hintergrund und eine Hinwendung zu Arbeiten auf Papier und Leinwand herrscht vor. In der Appenzeller Ausstellung von 2010 «Wasserfarben – Watercolours», schiebt sich erstmalig das umfangreiche Archiv der Entwurfsskizzen in den Vordergrund. Eingebettet in die Gruppenausstellung mit zeitgenössischen deutschen und amerikanischen Positionen, vermag Markus Weggenmanns installative Präsentation eine mögliche Antwort auf die Frage nach einer gegenwärtigen Wasserfarbenmalerei liefern. Unprätentiös werden die Skizzen ohne Rahmung direkt an die Wand angebracht und über mehrere Raumseiten in Petersburger Manier gehängt. Batterie nennt Weggenmann die Sammlung der Entwurfszeichnungen, liefern sie ihm doch die Energie beziehungsweise Munition für weitere Bildfindungen. Die in der Mitte des Raumes gestapelten Schachteln verweisen zusätzlich auf das titelgebende Arrangement und illustrieren überdies den beinahe unerschöpflichen Fundus an Entwürfen.
2013 bewirbt sich Markus Weggenmann nach 1989 erstmals wieder um einen Werkbeitrag des Kantons Zürich. Mit einer wandfüllenden Installation nimmt er das Thema der Batterie erneut auf und versammelt im Hochformat gehängt zweierlei Papiergrössen. Die lustvolle Präsentation strahlt in den Raum hinaus und liefert gleichzeitig einen kaleidoskopischen Einblick in das sich ständig erweiternde Formen- und Farbrepertoire des Malers. Weggenmann erhält den Werkbeitrag und gibt im folgenden Jahr erneut ein. Dieses Mal nimmt er eine bewusste Übersetzung vom kleinen aufs grosse Format vor. Von der Jury wird der Künstler abermals mit einem Werkbeitrag ausgezeichnet, zeigen die verdichteten grossformatigen Papierarbeiten durch den Transfer die Weiterentwicklung der Entwurfszeichnungen auf.
Erstmalig seit den 1990er Jahren wendet sich der Maler in den letzten Jahren wieder der Leinwand zu. Ausgehend von früheren Arbeiten, den sogenannten Bagatellen, die im Doppel den dialogischen Faden aufgreifen, verwendet Weggenmann nun die freien Vorlagen auf Papier und überträgt sie auf Leinwand. Auf übergrossen Leinwänden finden sich zentral organisiert hängende Formen, die trotz der eindrucksvollen Grösse eine ungemeine Leichtigkeit ausstrahlen.
Flache Skulpturen
In den letzten Jahren tritt eine überraschende Wende in Weggenmanns Werk ein. Verstärkt setzt sich der Künstler mit der Skulptur auseinander. Bei Markus Weggenmann ist dies jedoch nicht ein dreidimensionales im Raum platziertes Objekt, vielmehr überführt er die Skulptur in die zweidimensionale Ebene. Im Gegensatz zur Werkserie der hängenden Objekte, scheinen die flachen Skulpturen vom Bildträger in den Raum hinaus zu greifen. Die grossformatigen Bilder lassen die Körperlichkeit des malerischen Aktes mitschwingen, wuchtige Formen treten den Betrachtern entgegen. Reduziert auf zwei bis drei gedeckte Farben, entfalten die Werke eine physische Präsenz. Wahrnehmungen verschieben sich, die Betrachterhaltung muss sich stets aufs Neue an die skulptural wirkenden Bilder anpassen.
Die Beschäftigung mit der Idee des flachen Denkmals und der flachen Skulptur ist dabei keineswegs zufällig. Aus einer Steinmetzfamilie kommend, wendet er sich als erster der Familie vom plastischen Medium ab, hin zur zweidimensionalen Bildkunst. Malerisch nimmt er sich nun der Frage an, wie im flachen Medium skulpturale Motive in Erscheinung treten können. Die Eingangs gestellte Frage: «Was ist Malerei?», erfährt nun im übertragenen Sinn eine Erweiterung in den dreidimensionalen Raum.
In der Ausstellung «flirting with sculptures» von 2019 treibt Weggenmann das raumgreifende Seherlebnis neben den plastischen Werken im zweidimensionalen Raum mit einer weiteren Intervention auf die Spitze. Ein orangefarbener Teppich kleidet den Boden der Galerieräume komplett aus, augenzwinkernde Referenz an die Hippie-Bewegung, eine für ihn prägende Zeit. Das nun entstehende Zusammenspiel der skulpturalen Malerei mit dem vibrierenden ja oszillierenden Farbton des Bodenbelages, fordert das Publikum heraus und lässt Weggenmanns aussergewöhnlichen Umgang mit Farbe einmal mehr in den Vordergrund treten.
Während der letzten 30 Jahre hat Markus Weggenmann wiederholt verblüffende, innovative und dabei immer neuartige Antworten zum Thema Malerei erarbeitet. Dem Begriff einer zeitgenössischen Bildfindung ist er dabei beharrlich und mit dem unablässigen Drang eines Forschers nachgegangen und hat ihn stets weiterentwickelt und geprägt. Mit dem Material Farbe, zentraler Dreh- und Angelpunkt in seinem Schaffen, untersucht Weggenmann nicht nur die Frage nach einer heutigen Malerei, seine Arbeiten loten gleichzeitig das Wechselspiel von Werk und Raum aus. Weggenmanns Kosmos Farbe ist auf dieser Suche stets einem eigenen Weg gefolgt, ohne die Antworten darauf je schuldig zu bleiben.