Reizvolle Aussichten
„Besonders hübsch, sehr angenehm, besonders Gefallen erregend“, umschreibt der Duden das Adjektiv reizend. Das durchaus positive Eigenschaftswort erhält in Verbform mehrdeutige und teils gegensätzliche Bedeutungen. Von provozieren und ärgern bis hin zu Interesse oder Neugierde erwecken reicht die Bandbreite, um nur zwei der vier Bedeutungsebenen zu nennen. Das vieldeutige sprachliche Spektrum des Ausstellungstitels „Reizende Aussichten!?“ schlägt den Bogen zu den eingeladenen künstlerischen Positionen.
Fotografische Arbeiten auf verschiedenen Bildträgern stehen filigranen Metall- und Papierobjekten gegenüber, installative Strukturen aus Elektrozaunbändern treffen auf eine konzeptuelle Auseinandersetzung zur Medienwirksamkeit von Kulturarbeit. Überdies untersucht Quirina Lechmanns conditioned stimulus mit performativen Mitteln unsere konditionierten Reize: Ein Kleid, mit Schlagworten bestickt – das während der Ausstellungsdauer die Performance repräsentiert – verknüpft textile Reize mit einer Klang- und Soundcollage. Die Stimme der ausgebildeten Opernsängerin trifft auf elektrische Klänge und stellt damit die Frage in den Raum, welche Reize durch Stimme und Töne ausgelöst werden können. Die Mehrschichtigkeit des Ausstellungstitels „Reizende Aussichten!?“ lädt die Besuchenden ein, die gezeigten Werke mit allen Sinnen zu erkunden und zu erfahren. Welche Werke lösen in der Betrachtung Reize aus und welche Ein- und Aussichten lassen die gezeigten Arbeiten anklingen? Die subjektive Erfahrung des Publikums eröffnet einen vielschichtigen Resonanzkörper von Reibung, Provokation, Verlockung und Anziehung.
Gleich im Fenster zur Strasse schraubt sich eine Leiter die Fensterhöhe hinauf. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch klar, dass es sich dabei nicht um eine Leiter im herkömmlichen Sinn handelt. Ursula Rutishausers Himmelsleiter transformiert Stacheldraht in ein zweidimensionales Objekt aus Chromnickelstahl. Ausgehend von einem Papierschnitt überführt Rutishauser die feingliedrige Stacheldraht-Komposition auf eine Chromnickelstahlplatte, die im Laserverfahren ausgeschnitten wird. Im zweiten Stock findet die zweiteilige Arbeit ihre Fortsetzung. Man ist beinahe versucht, die Sprossenwand auf die übrigen Stockwerke und darüber hinaus weiterzudenken. Rutishausers Himmels leiter vereint verschiedene Gegensätze spannungsvoll miteinander. Da ist das Objekt Stacheldraht, das Grenzen zieht, Orte voneinander trennt und etwas ein- oder ausschliesst. Gleichzeitig formt die Künstlerin genau mit diesem Gegenstand eine Leiter, ein Objekt also, das Trennlinien überwindet. Die Künstlerin nimmt diesen inneren Widerspruch spielerisch auf und übersetzt ihn in poetische und filigrane Kompositionen, die lange nachklingen. Nicht als Leiter, dafür in langen bunten Reihen, greift Ursula Rutishauser das Thema Stacheldraht abermals auf. An Punkten direkt auf der Wand angebracht, werfen die einzelnen Stacheldrahtreihen ihre Schatten an die Wand. Die in zarten Farben gearbeiteten Papierschnitte lassen ein dreidimensionales Spiel entstehen. Die Künstlerin nennt Perlenvorhänge, die man häufig in Türrahmen als Fliegenschutz installiert, als Inspirationsquelle. Auch hier steht zu Beginn des Arbeitsprozesses ein Gebrauchsobjekt, das Ursula Rutishauser mit künstlerischen Mitteln bearbeitet und von seiner Gebrauchskomponente befreit, ja gar ad absurdum führt. Literarische Referenzen dienen Rutishauser als Vorlage für zwei weitere Arbeiten. Noch Licht im Haus von Klaus Merz und Meine Seele hat kein Geschlecht von Alfonsina Storni lassen Texte in den Raum treten. Das Publikum ist eingeladen, am Holztisch in die literarischen Vorlagen einzutauchen.
Im Erdgeschoss präsentiert die Fotografin Regula Engeler aktuelle Arbeiten der letzten beiden Jahre. Ihre Bildwelten mäandrieren zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Exotisch anmutende Landschaften treffen auf dramatisch inszenierte Kulturräume. Die komplexe räumliche Anordnung im Haus zur Glocke lässt verschiedene Materialien aufeinandertreffen, zusammengehörende Bildgruppen werden unterbrochen, leuchtende Farben begegnen Aufnahmen in Schwarz-Weiss. Unterschiedliche Formate in Papier oder Glas sind in loser rhythmischer Abfolge platziert und schaffen Kontraste und Bezüge von einer Wand zur nächsten. Seit ihrem letzten Umzug arbeitet die Fotografin ohne Dunkelkammer. Die Suche nach Möglichkeiten ohne Entwicklungsraum zu arbeiten, hat Engeler in unterschiedliche Richtungen geführt. Unter anderem experimentiert sie mit analogen Negativen, die sie mit verschiedenen Methoden bearbeitet und verdichtet. Einzelne Bilder erfahren durch Mehrfachbelichtungen verblüffende Überlagerungen, architektonische Räume entstehen, die an Bühnenbilder erinnern. Engeler dienen alte Fotonegative als Arbeitsmaterial, die durch den Alterungsprozess eine Farbtransformation durchlaufen haben. Seltsame Fehlfarben sind die Folge davon. Für ihren Arbeitsprozess überführt Engeler analoges Filmmaterial in digitale Informationen, die sie in weiteren Schritten bearbeitet, verdichtet und auf Glas oder Papier ihre endgültige Form finden. Ihre Fotoarbeiten unterwandern das Medium Fotografie, das Festhalten eines flüchtigen Moments, indem Regula Engeler durch zahlreiche Arbeitsschritte ihre Motive bearbeitet. Engelers fantastische Landschaften erzeugen dschungelartige Settings, die an weitentlegene Urwälder erinnern. Doch der Eindruck täuscht. Alle Naturaufnahmen stammen aus der Schweiz. Ihren Darstellungsgegenstand setzt sie aus Überlagerungen einzelner Bilder zusammen und schafft verdichtete Ausblicke und Ansichten, die reizvoll zwischen Imagination und Realität pendeln.
Gianin Conrads ortspezifische Installation Reizende Aussicht setzt sich mit den räumlichen Gegebenheiten im Haus zur Glocke auseinander. Im obersten Stock platziert, nimmt eine strahlenförmige Architektur den Raum vor dem Fenster ein. Mit roten, blauen und gelben Elektrozaunbändern spannt der Künstler eine geometrische Form, die an eine langgezogene Pyramide erinnert. Conrads Wahrnehmung von Raum erhält durch die verwendeten Weidezaunbänder eine im wahrsten Sinne reizvolle Komponente. Der Künstler bezieht sich mit den unter Strom stehenden Zaunbändern auf Modelle der Neurologie, wonach unser Gehirn bioelektrische Impulse in visuelle Bilder umwandelt. Die daraus entstehenden Aus- und Einsichten lassen Landschaften wie geschaffene Strukturen vor dem inneren Auge entstehen. Der aus Kuhzäunen gebaute Raum im Raum grenzt ab, strukturiert ihn, um im selben Moment einen eigenen Kosmos entstehen zu lassen. Mitten in der Zaunstruktur ist eine Chaiselongue platziert. Das sofaartige Möbel ist fester Bestandteil der Einrichtung des Dachgeschosses und wurde vom Künstler kurzerhand in die skulpturale Arbeit miteingebaut. Verweise zu Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse, lassen sich nicht nur durch das Sitz-und Liegemöbel ziehen. Bevor sich Freud der Gesprächstherapie als Behandlungsmethode zuwandte, kurierte er für kurze Zeit seine Patient:innen mit Elektroschocks. Gianin Conrads Modell von elektrischen Impulsen bricht mit Strukturen von innen und aussen, von Kunst und Natur. Die bunten Zaunbänder manipulieren klare Abgrenzungen und gehen gleichzeitig spielerisch damit um. Das an den Stromkreis angeschlossene, gestrickte Kleid erweitert die Inszenierung um eine weitere Komponente und lotet das Modell Wahrnehmung schmerz- wie lustvoll aus.
Das Künstler:innenduo Schellinger Zaugg hinterfragt in einer dreiteiligen Arbeit die Mechanismen des Kulturjournalismus. Gleichzeitig verknüpft es seine Untersuchung mit den Strukturen der Kulturförderung. Die institutionelle Ausgangssituation im Haus zur Glocke dient dabei als Vorlage. Ein vor Ort produziertes Video bezieht sich auf Fernsehformate wie „Vernissage TV“ oder die SRFReihe „Kulturplatz“. Während des Ausstellungsaufbaus befragt das Künstler:innenduo die ausstellenden Kunstschaffenden, wobei es die Rolle des Kulturjournalismus reizvoll auf die Spitze treibt. So erfährt das Publikum beispielsweise, dass Regula Engeler angeblich noch nie vor einer Kamera über ihre Arbeit gesprochen hat, geschweige denn fotografiert worden ist. Das Kurator:innen Team gibt nun anstelle der Fotografin Auskunft über deren Werk und Schaffen. Press Release, so der Titel des Videos, lässt die Besuchenden in die vermeintlich glitzernde Welt des Kunstbetriebs eintauchen, um sie im nächsten Moment hintersinnig zu unterwandern und augenzwinkernd auf die Schipp zu nehmen. Da bekommen unter anderem die vielen Glocken im Haus eine Bühne, was zu einem humorvollen Zwischenspiel innerhalb des Videos führt. Der hautnahe Einblick in den Schaffensprozess der Kunstschaffenden eröffnet das humoristische Potential auf den Mythos Künstler:in. Ein weiterer Baustein von Press Release ist die mehrteilige Berichterstattung in der Lokalzeitung „Bote vom Untersee und Rhein“. Wobei der Begriff Berichterstattung eher lose zu verstehen ist, da die Kunstschaffenden gleich selbst journalistisch aktiv werden. Mit den „Eingesandten“, wie die eingeschickten Beiträge heissen, nehmen Schellinger Zaugg direkt Bezug auf den kontinuierlich schrumpfenden Kulturjournalismus. Die Kulturförderung von peripheren Orten wird durch den stetigen Abbau von kulturellen Ressorts beständig untergraben. So schaffen es Kulturorte und Ausstellungen abseits der grossen Zentren meist gar nicht in die überregionale Berichterstattung und werden immer weiter an den Rand gedrängt. Ein Tischgespräch mit der Kulturjournalistin Christina Genova, zuständig für die gesamte Ostschweiz im St. Galler Tagblatt und Ulrich Gut, dem Präsidenten von ch-intercultur, einer Plattform für Kulturkritik, runden die mehrteilige Arbeit ab.
„Reizende Aussichten!?“ versammelt verschiedene künstlerische Positionen, die sich mit dem Reiz in der Kunst auseinandersetzen. Mit unterschiedlichen Medien und Arbeitsprozessen loten die eingeladenen Kunstschaffenden das Thema vielfältig aus und präsentieren überraschende Antworten. Der fragende beziehungsweise auffordernde Ausstellungtieröffnet mehrfache Deutungen und lädt das Publikum ein, den eigenen reizvollen Empfindungen nachzugehen.